Sinnlos-Surf-Syndrom: Schuld daran ist der Urmensch

Serie: Die Tücken moderner Kommunikation (Teil 3)

„Kopfgulasch“, eigentlich mag ich dieses Wort nicht. Aber genau mit ihm lässt sich mein Zustand von neulich Abend wohl am besten beschreiben. Ich hatte einfach Matsch in der Birne, Kopfgulasch eben. Was war passiert? Eine einzige Aufgabe wollte ich noch kurz erledigen: ein Hotelzimmer im Internet buchen. Die „kurze“ Sache endete in einem Google-Endlos-Marathon mit zahlreichen Abstechern auf Reise-Webseiten wie booking.com, trivago oder TripAdviser, die allesamt schier unendlich viele Unterbringungsmöglichkeiten anboten. Da gab es zum Beispiel das schicke Low-Budget-Hotel in City-Nähe, das super hippe Hostel direkt im Zentrum oder das trendige Apartment am Stadtrand. Ich sprang immer wieder wahllos zwischen den Unterkünften und den unterschiedlichen Portalen umher, las mir zu allem Überfluss auch noch sämtliche Bewertungen durch. Am Ende hatte ich einen geistigen Festplatten-Crash – so kann man Kopfgulasch nämlich auch noch beschreiben.

Wissenschaftler sagen, dass ein derartiges Gehirn-Chaos vom so genannten Sinnlos-Surf-Syndrom hervorgerufen werden kann – also vom ziellosen, zwanghaften Surfen im Internet mit Reizüberflutung. Weiteres Kennzeichen des Sinnlos-Surf-Syndroms ist ein gravierender Zeit-, Konzentrations- und Produktivitätsverlust, den der oder die Betroffene aber nicht wahrnimmt. Doch woher kommt dieses zwanghafte, unproduktive Surfen? Forscher sagen, dass es aus unserem Gehirn kommt, welches heute noch im Steinzeit-Modus arbeitet. Dieser Steinzeit-Modus bewirkt, dass wir auf Reize mit Aufmerksamkeit reagieren. „Ein beliebter Steinzeit-Reiz war zum Beispiel der Bär – Killer oder Abendessen“, beschreibt Buchautorin und Kommunikationsexpertin Anitra Eggler das Phänomen. „Und weil früher jeder Reiz der letzte hätte sein können, schüttet unser Hirn seit Urzeiten als Reaktion den Botenstoff Dopamin aus. Je mehr Reize, desto mehr Dopamin.“ Das heißt: Wenn wir im Netz surfen und vielleicht noch dazu parallel chatten, dann zündet quasi ein Dopamin-Feuerwerk in unserem Hirn und es wird süchtig nach Impulsen. Kommt kein neuer Reiz dazu, suchen wir ihn uns als Reaktion auf die Sucht selbst.

Au Backe! Das hört sich ungünstig an. Noch ungünstiger finde ich die Rechnung, die Kommunikationsprofi Eggler zum Sinnlos-Surfen aufmacht: Wenn wir an 365 Jahrestagen im Schnitt vier Stunden surfen, sind das in Summe 1.460 Stunden, kalkuliert sie. Abzüglich acht Stunden Schlaf pro Tag sind das 91,25 Tage im Jahr. Folgt man dieser Rechnung, verbringen wir ein Viertel unserer aktiven Lebenszeit im Internet. Wow! Das ist eine ordentliche Hausnummer. Zum Glück hält Autorin Eggler ein paar Tipps gegen sinnlose Surf-Marathons parat. So empfielt sie:

Hört auf, aus fehlender Inspiration oder unersättlichem Recherche-Zwang im Web zu suchen. Das bringt nichts und wird die Welt nicht retten. Setzt euch fixe Surfzeiten – zum Beispiel morgens, mittags und abends und setzt euch fixe Surfziele. Und – ganz wichtig – kappt doch einfach mal die Leitung.

Mehr Tipps von ihr könnt ihr hier nachlesen. Zugegeben: Einige dieser Tipps habe ich auch schon ausprobiert. Das Resultat: Auch wenn ich versuche, in einem begrenzten Zeitrahmen zu surfen oder probiere, nur nutzbringende Internetseiten zu durchforsten – ich rutsche immer wieder in mein altvertrautes Sinnlos-Surf-Verhaltensmuster zurück. Und ich weiß auch warum. Sinnlos-Surfen macht halt einfach Spaß, auch wenn es in der Regel ganz und gar nicht zielführend ist. Manchmal will man eben einfach unvernünftig scheinende Dinge tun und zum Beispiel dutzende Reiseportale auf der Suche nach dem richtigen Hotel durchstöbern. Ach ja, wo wir gerade dabei sind: So sinnlos war meine ausgiebige Hotel-Recherche im Übrigen nicht. Nach einer eher unruhigen Nacht mit viel hin und her grübeln, habe ich mich schlussendlich noch einmal auf die Suche begeben. Nach drei weiteren Stunden abwechlungsreicher Hotelbegutachtung und Bewertungsanalyse bei drei Tassen Kaffee, habe ich mich für eine Unterkunft bei Airbnb entschieden. Ein Zimmer von Privat ist halt irgendwie doch spannender als so ein Apartment am Stadtrand.

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