„Heute Abend skypen?“

Jedes achte Paar in Deutschland führt eine Fernbeziehung. Steigende Anforderungen des Arbeitsmarktes, die eigene Karriere oder andere Wünsche und Träume stellen immer mehr Menschen vor Probleme, Job und Beziehung zu verbinden. Die einen gehen fürs Studium ins Ausland, die anderen bekommen ein vielversprechendes Jobangebot in einer anderen Stadt oder möchten ein Freiwilliges Soziales Jahr auf einem anderen Kontinent absolvieren. Mehr denn je wird der internationale Austausch gefördert und sind Flexibilität und Mobilität gefordert. Doch wie schafft man es, Freunde und Partnerschaft dabei nicht zu vernachlässigen? Wie lässt sich trotz der geografischen Distanz emotionale Nähe herstellen, anders gesagt, wie lebt und liebt es sich auf Distanz?

So fern und doch so nah – dank moderner Technik

Als Hauptproblem sehen Paare in Fernbeziehungen, dass man den Alltag des Partners nicht mehr automatisch miterlebt und deshalb Gefahr läuft, sich auseinanderzuleben. Überlebensnotwendig für den Erhalt der Beziehung ist und bleibt Kommunikation. Glücklicherweise muss im Zeitalter der Digitalisierung keiner mehr auf den Postboten warten, um Nachrichten vom Partner zu erhalten. Moderne Kommunikationsmittel wie chatten, skypen, simsen oder mailen erleichtern und beschleunigen den Austausch in einer Fernbeziehung enorm. Nach einer Befragung der Erfurter Uni entwickelt jedes Paar seine individuelle Kommunikationstaktik: Die einen schreiben sich E-Mails, während die anderen lieber chatten. Am beliebtesten ist insgesamt das Handy; Privates wird hauptsächlich am Telefon besprochen. Per Smartphone können Paare Bilder und Musik austauschen und so am Leben des anderen teilhaben. Soziale Netzwerke werden eher ergänzend genutzt und sogar kritisch gesehen, da Facebook und Co. dazu verleiten, sich gegenseitig zu kontrollieren. Der Kommunikationspsychologe Dariush Barsfeld rät, vor allem auf Videotelefonie wie Skype zu setzen. Das Schöne dabei ist, dass man den anderen beim Telefonieren sieht. Das erleichtert es, die Emotionen des Partners mitzuerleben, sich ihm näher zu fühlen und so Missverständnisse zu umgehen. Wichtig ist, sich Zeit für den anderen zu nehmen. Statt auf dem Nachhauseweg aus der U-Bahn anzurufen, sollte man lieber einen Telefontermin am Abend verabreden. Trotz der vielen Vorteile digitaler Kommunikation werden Brief, Postkarte und Päckchen hoffentlich nicht vollständig verdrängt werden. Manchmal ist es doch auch schön, auf etwas warten zu können…

Kuss-Roboter, Umarmungssensoren und Herzschlag-Kissen

Das Gefühl der Nähe technisch zu übertragen, versucht ein Wissenschaftler aus Singapur. Der von ihm entwickelte Roboter „Kissenger“ überträgt Lippenbewegungen per Skype. Die kleine Plastikkugel mit überdimensional großen Silikonlippen, die aussieht wie ein Schweinchen, soll für ein realistisches Kussgefühl sorgen. Auf Grund ethischer Bedenken ist die Knutschkugel aber noch nicht auf dem Markt.

Kurios ist auch das „Hug-Shirt“, das mit dem Mobiltelefon gesteuert Umarmungen empfangen oder versenden soll. Dazu müssen beide Partner das Shirt anziehen und sich selbst drücken. Das langärmelige Hemd ist an Oberarmen, Rücken, Taille, Nacken, Schultern und Hüften mit Sensoren ausgestattet. Gemessen und übertragen werden Puls, Temperatur und Druckstärke an das Oberteil des Partners über die Mobiltelefone, die mit den Shirts verbunden sind.

Um den Herzschlag geht es bei der dritten ausgefallenen Innovation, dem Kissen „pillowtalk“. Dafür binden sich beide Partner, wenn sie ins Bett gehen, einen Brustsensor um, der kabellos den Herzschlag an das Kissen des anderen überträgt. Sobald die Übertragung startet, beginnt das Kissen zu leuchten. Legt man den Kopf auf das Kissen, hört man den Herzschlag des anderen.

Fernbeziehung – Beziehungskiller?

Liebe auf Distanz ist nicht einfach: Einsamkeit, die emotionale Belastung durch die Distanz, aber auch die auf die Idealisierung des Partners folgende Ernüchterung können die Partnerschaft auf die Probe stellen. Fernbeziehungen können sich jedoch auch positiv auswirken: So gehen Partner in Fernbeziehungen seltener fremd. Zudem berichten viele Paare, die getrennt voneinander leben, ihre gemeinsame Zeit intensiver zu genießen und einander genauer zuzuhören. Gemeinsame Perspektiven, genaue Absprachen und die Planung von Besuchen lassen Paare optimistischer in die Zukunft blicken. Rituale wie ein Telefongespräch am Abend oder eine SMS am Mittag signalisieren, dass der Partner auch in der Ferne an einen denkt und für Neuigkeiten oder Sorgen offen ist. Moderne Technik kann die Liebste oder den Liebsten natürlich nicht ersetzen, aber die Kommunikation beschleunigen. Ausschlaggebend für das Gelingen einer Fernbeziehung ist letzten Endes nicht die Wahl des Kommunikationsmediums, sondern Vertrauen.

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