Filterwahn: Schöneres Leben durch Linse und Filter

Serie: Die Tücken moderner Kommunikation (Teil 4)

Wieder ein fantastischer Sonnenuntergang. Ich zücke das Smartphone, um die Schönheit des Augenblicks festzuhalten. Doch auf dem Display sehen die Farben so normal aus und nicht so spektakulär, wie ich sie gern hätte. Gut, dass es Instagram gibt. Ich klicke die Filter durch und dank „Lo-Fi“ strahlt mir ein farbenfroher Sonnenuntergang entgegen. Perfekt, und ab damit hinaus in die Welt. Doch im gleichen Moment stelle ich mir die Frage, ob uns die ungeschönte Realität nicht mehr genügt? Leiden wir an Filterwahn? Und warum zücken wir überhaupt ständig unser Smartphone, um jeden erdenklichen Moment mit der Kamera festzuhalten? Leben wir gar ein Leben hinter der Linse?

Realitätsverlust durch Filterwahn

Selbst die hässliche Realität lässt sich durch Kunstfilter wie zum Beispiel bei Instagram aufhübschen, wie dieser Artikel bei Basicthinking zeigt. Haben wir unsere Bilder früher in Sepia oder Schwarz-Weiß-Aufnahmen verwandelt, lässt uns Instagram seit 2010 unsere Fotos wesentlich vielseitiger verschönern – und das spielend leicht. Mittlerweile haben zahlreiche Foto-Apps die Filter-Funktion integriert. Doch die inflationäre Verwendung dieser lässt uns abstumpfen. Eine schlichte, wenn auch schöne Aufnahme gibt uns das Gefühl: „Da fehlt doch was!“ Die Farben müssen leuchten oder das Bild besonders nostalgisch wirken, sonst empfinden wir das Fotografierte als langweilig. Und Bilder, die uns tatsächlich mal ohne jegliche Bearbeitung genügen und es wert sind, der Außenwelt zu zeigen, präsentieren wir Stolz mit dem Hashtag #nofilter. Herzlichen Glückwunsch!

Aber auch schon die Auswahl der Bilder, die wir zeigen, ist bereits ein Filtern. Ein Blick auf Instagram, Facebook und Co. zeigt uns durchgestylte Menschen, Wohnungen, Reisen und selbst das fofografierte Essen wirkt wie aus dem Rezeptbuch. Beim Betrachten der aufgepimpten Profile und aufregenden Lifestyles erscheint uns unser eigenes Leben plötzlich schnöde und langweilig. Und so fangen auch wir an zu selektieren, um dies nicht so aussehen zu lassen und ein möglichst spannendes Dasein abzubilden. Ein Teufelskreis!

So schön die aufgehübschten Bilder auch anzuschauen sind, auf Dauer ist das Ganze ein bisschen langweilig. Vielleicht würde ein wenig Mut zur „Hässlichkeit“ und Natürlichkeit, weg von den Filtern, die Profile im Social Web wieder ein wenig spannender und ehrlicher machen.

Das Leben durch die Linse

Aber nicht bloß die Filter trüben den Blick auf die Realität. Allein der Blick durch die Linse reicht manchmal, uns die Sicht auf das Wesentliche zu vernebeln. Durch die digitale Fotografie und die Möglichkeit, immer und überall mit dem Smartphone Fotos zu schießen, produzieren wir Unmengen an Bildern. Schließlich wollen wir die Momente für die Ewigkeit festhalten. Vor allem im Urlaub halten wir oft unkontrolliert drauf. Doch wie bewusst nehmen wir eigentlich das Gesehene wirklich noch wahr, wenn wir es ständig durch die Linse der Kamera betrachten? In einer Studie, durchgeführt an einer amerikanischen Uni, fand man heraus, dass wir uns weniger an etwas erinnern, von dem wir Fotos gemacht haben. Denn wir gehen davon aus, später auf die Fotos als Informationsquelle zurückgreifen zu können. In der Studie schickte man die Teilnehmer ins Museum. Das bittere Ergebnis: An die Objekte, von denen die Teilnehmer keine Fotos gemacht hatten, konnten sie sich besser erinnern.

Wir sammeln Bilder wie Trophäen oder Beweise für unser tolles Leben und vergessen dabei oft, die Dinge bewusst wahrzunehmen und einfach mal zu genießen – frei von jeglicher Technik. Ein Konzert, wahrgenommen durch die Linse der Kamera, ist eben doch nicht dasselbe wie direkt auf die Bühne zu schauen, mitzusingen und zu tanzen. Das heißt nicht, dass wir keine Fotos mehr machen sollen. Im Gegenteil, die oben benannte Studie zeigt nämlich auch, dass Fotos auch helfen können, sich an Momente zu erinnern. So wurden die Teilnehmer im Experiment gebeten, nur Teile der ausgestellten Arbeiten zu fotografieren. Im Nachhinein konnten sie sich trotzdem an das komplette Werk erinnern. Es geht also um die bewusste Aufnahme der Momente. Fazit: Fotografiert die wichtigsten Momente und dann genießt den Rest – mit all euren Sinnen.

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