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Binge Watching

Serie: Die Tücken moderner Kommunikation (Teil 2)

Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, in denen man die Lieblingsserie nur sehen konnte, wenn sie gerade im Fernsehen lief? Was für ein langsames, von Cliffhangern zerrissenes, und in den Sommerpausen langweiliges Leben das doch war.

Heutzutage kann man darüber nur noch lächeln. Denn die Lieblingsserien liegen nur einen Mausklick weit entfernt, immer und überall. Video-on-Demand-Dienste wie Watchever, Maxdome und das im September endlich auch in Deutschland startende Netflix machen es möglich. Die ganze Welt der Serien steht uns offen und das quasi nicht nur vom heimischen Fernseher aus, sondern dank praktischer Apps auch unterwegs via Smartphone und Tablet. Da bleibt es dann natürlich nicht bei einer Folge pro Woche, wie es das übliche Konzept einer Serie vorsieht. Denn wer kann schon widerstehen, wenn die Fortsetzung nur einen Klick oder eine Touchpad-Berührung weit entfernt liegt? Allerdings wird so aus „Ach, eine Folge guck‘ ich noch“ ganz schnell mal zwei oder drei oder vier Folgen. Und plötzlich ist es zwei Uhr nachts, man hat den Abwasch noch nicht erledigt, war nicht mit dem Hund draußen und muss morgen um sechs wieder zur Arbeit.

Das Phänomen nennt sich Binge Watching oder im deutschen Sprachgebrauch auch Komaglotzen und bezeichnet das exzessive Schauen von mehreren Folgen einer Serie am Stück. Der Name mag auf den Nicht-Binge-Watcher vielleicht übertrieben wirken, doch jeder, der schon einen derartigen Serienmarathon hinter sich gebracht hat, wird wissen, dass der Name nicht von ungefähr kommt. Denn wurde man mehrere Stunden in ein Serien-Universum gesogen, fühlt sich das Gehirn nicht wie die überlegene Denkmaschine, sondern eher wie eine breiartige Masse an, die Schwierigkeiten hat, die Realität von dem nebulösen Fiktions-Schleier zu befreien.

Glücklicherweise erholt man sich von diesem postkomatösen Zustand nach einer großen Portion Schlaf relativ schnell wieder. Was aber bleibt ist der Durst nach einer Fortsetzung der geliebten Serie. Man ist angefixt. Staffel zwei muss her! Immerhin macht das die Freizeitplanung der kommenden Abende relativ einfach.

Binge Watching ist keineswegs ein nur vereinzelt auftretendes Phänomen, sondern eher eine Epidemie, die sich wie ein Grippevirus in der modernen Gesellschaft verbreitet. Laut einer Studie von NBC News haben sogar 91 % der Befragten schon einmal eine Serie „gebingewatched“. Die Schwere der Krankheit variiert dabei allerdings von Fall zu Fall. Dennoch gaben 14 % der Befragten an, schon einmal eine gesamte Staffel einer Serie in einer Woche geschaut zu haben. Da kann man schon von einem Härtefall sprechen – und leider Gottes muss ich mich auch selbst zu dieser Kategorie zählen. Mein Serienkonsum ist beinahe maßlos. Momentan befinde ich mich auf einer Reise durch die fantastische Welt von Doctor Who und schaue zu Stoßzeiten dann auch gerne mal fünf Folgen am Stück.

Deshalb kann ich auch aus erster Hand von den Nebenwirkungen des Binge-Watchings berichten. Mal davon angesehen, dass ich meine Ins-Bett-Geh-Zeit in letzter Zeit maßlos überziehe und deshalb an leichtem Schlafmangel leide, muss ich beispielsweise zugeben, dass ich bereits die eine oder andere Einladung auf ein Bier ausgeschlagen habe, weil ich lieber noch ein paar Folgen schauen wollte. Binge Watching führt also nicht gerade zu einer Verbesserung der Sozialkompetenzen.

Zudem wird man auch nicht unbedingt fitter, wenn man auf der Couch liegt und Serien schaut. Mediziner warnen bereits vor den Folgen des aus dem übermäßigen Serienkonsum resultierenden Bewegungsmangels. Wissenschaftler der American Heart Association haben beispielsweise herausgefunden, dass ein Fernseh-Konsum von mehr als drei Stunden täglich das Risiko eines vorzeitigen Todes verdoppelt. Verdoppelt! Falls ihr also einen Serienmarathon plant, schaden ein paar Kniebeugen nach jeder Folge keineswegs.

Aber die größte Gefahr des Binge Watchings liegt meiner Meinung nach darin, dass man sich in der fiktionalen Welt, in die man eintaucht, in gewisser Weise verlieren kann. Ich muss nämlich zugeben, dass mir in Anbetracht der Reisen durch Zeit und Raum, die ich bei Doctor Who verfolge, die tägliche U-Bahnfahrt zur Arbeit hochgradig ereignislos erscheint. Man muss also stets darauf achten, den Bezug  zum „Real Life“ nicht zu verlieren. Denn schließlich bringt Walter White nicht deinen Müll raus, Sherlock überweist dir nicht das monatliche Gehalt aufs Bankkonto und Doctor Who und du werdet nicht zusammen das Universum bereisen. Da bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als den Laptop zuzuklappen und eigene Abenteuer zu erleben.

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